Rede

Rede des Streiksoli-Bündnisses gehalten am 20.09.2013 auf der ver.di Amazon-Streikkundgebung auf dem Augustusplatz Leipzig

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Wir sind vom Streiksoli-Bündnis Leipzig. Unser Bündnis ist zusammengesetzt aus verschiedenen linken Gruppen und aktiven Einzelpersonen. Was uns aber Alle verbindet ist der Wille die gegenwärtigen Verhältnisse unter denen wir leben und arbeiten müssen zu verändern:

Das heißt für uns aktiv zu werden für:
* Existenzsichernde Löhne ab mindestens 10€/h und damit meinen wir eine gesetzlich festgelegte Lohnuntergrenze für alle Branchen!
* Arbeitsverhältnisse nach denen man noch Zeit für Familie, Kinder und Politische Aktivität hat
* Arbeitsverhältnisse die unbefristet sind und eine sichere Lebensplanung ermöglichen.
* Arbeiten ohne Leistungsdruck und Überwachung!
* Eine Gesellschaft ohne Hartz IV-System, das Arbeitslose wie Dreck behandelt und Druck auf Beschäftigte ausübt.
* Zu streiten für wirklich demokratische Mitbestimmung in Betrieb und Gesell-schaft.

Mit eurem Streik für einen Tarifvertrag kämpft ihr für eure elementaren Rechte: höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.
Zwar haben sich die Löhne bei AMAZON in den letzten Jahren durch euren Druck erhöht, aber dass ist nicht mehr als ein Almosen der Geschäftsführung. Erst ein Tarifvertrag mitsamt allen Regelungen, macht freiwillige Zugeständnisse der Geschäftsführung zu Rechten!
AMAZON ist trotzdem kein besonders schwarzes Schaf, sondern ein Symptom für das kapitalistische Wirtschaftssystem, dass darauf ausgelegt ist unsere Löhne zu drücken, um höhere Profite zu erwirtschaften.
AMAZON ist dabei dennoch nicht irgendein Symptom:
AMAZON ist ein Weltkonzern und erfüllt als solcher eine doppelte Vorbildfunktion: Als offen gewerkschaftsfeindlicher Großkonzern ist AMAZON einerseits Vorbild für andere Unternehmen, wie man Arbeitnehmer effektiv auspresst und zu funktionierenden, nicht mehr denkenden Arbeitsrobotern umbaut.
Andererseits hat auch der Streik Vorbildcharakter für andere AMAZON Standorte hier in Deutschland und auch in den USA, sowie hoffentlich auch in andere Branchen hinein – Stichwort Zalando. Ihr macht mit eurem Kampf sicher anderen Mut sich ebenfalls zu wehren!

Dass ihr streikt und damit das Profitinteresse von AMAZON öffentlich infrage stellt, davor haben wir viel Respekt.
Dafür dass ihr euch für eure Rechte mit diesem Weltkonzern anlegt, habt ihr unsere Hochachtung.
Deswegen sind wir mit einem Stand an die Uni gegangen, um eurem Kampf und unseren Interessen Öffentlichkeit zu verschaffen. Trotz Semesterferien haben wir viele Menschen erreicht und binnen einer Woche 500 Unterschriften gesammelt! Die meisten Leute am Stand waren sehr aufgeschlossen und haben gern unterschrieben. Einige hatten selbst Erfahrungen bei AMAZON gesammelt. Der überwiegende Teil arbeitet selbst in prekären Minijobs. Selbst nach dem Studium ist die Perspektive oft schlecht. Jugendarbeitslosigkeit ist nicht nur in Süd-Europa ein großes Problem. Die zunehmende Perspektiv- und Arbeitslosigkeit macht auch vor der Uni nicht mehr halt.
Viele Kommilitoninnen haben uns von mieser Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen – etwa in der Gastronomie, in Callcentern oder im Einzelhandel – berichtet und sich gerade deswegen mit eurem Arbeitskampf solidarisiert. Lasst euch deshalb nicht kleinkriegen von Vorwürfen euer Streik sei nicht berechtigt, denn Andere würden noch weniger verdienen.
Das ist kein Argument, sondern ganz schlichte, neoliberale Propaganda!
Die Zahl der Vermögens-Millionäre ist trotz oder gerade wegen der Krise rapide gestiegen. Mehr als hunderttausend neue Millionäre sind dazugekommen. Die Mehrheit der Bevölkerung weiß hingegen nicht mehr, wie sie das notwendigste zum Leben bezahlen soll.
Die ungleiche Verteilung von Vermögen ist das Problem, nicht die Höhe eurer berechtigten Lohnforderungen!

Die Spaltung in verschiedene Branchen und verschiedene nationale Standorte folgt diesem neoliberalen Prinzip von Teilen und Herrschen. Es lenkt den Blick weg von den realen gesellschaftlichen Konflikten. Wir sollten diesem Trend der Entsolidarisierung deshalb unsere geballte Solidarität entgegensetzen.
Wir sollten über Nationalitäten und Standortfragen hinaus unser gemeinsames Interesse im Blick behalten:
* Wir alle wollen Löhne, von denen man nicht nur überleben, sondern wirklich leben kann!
* Wir alle haben gern Zeit für Familie, Hobbys, Politik.
* Wir alle wollen ohne Druck und Hetze arbeiten!
Wir sollten uns deshalb nicht länger ausspielen lassen gegen „die faulen Südeuropäer“, die – in der Urlaubszeit – streikenden FlugbegleiterInnen, die sogenannten „faulen“ Hartz4-BezieherInnen, Rentner oder andere Gruppen.

Nicht nur in Deutschland herrscht das System von niedrigen Löhnen und unsicheren Arbeitsverhältnissen.
Die Agenda 2010 mit Hartz IV, Leiharbeit und Minijobs ist zum deut-schen Exportschlager geworden: Die deutsche Regierung exportiert Niedriglöhne, die Rente mit 67, sowie die Kürzung von Sozialleistungen aktuell in die europäischen Krisenländer und zerstört damit die Perspektive von Millionen Menschen hierzulande und europaweit. Doch auch in ganz Europa regt sich Widerstand. Wir solidarisieren uns mit den Generalstreiks in Griechenland und Spanien und eurem Tarifstreik bei AMAZON! Wir hoffen, dass das erst der Anfang war!
Das Sammeln von 500 Solidaritäts- Unterschriften war auch für uns erst der Anfang. Wir werden weiter versuchen öffentlichen Druck aufzubauen: Für die Solidarität mit eurem Streik werben und versuchen auch anderen Mut zu machen, sich selbst zu organisieren und zu wehren. Wir werden euch weiterhin bei eurem Kampf unterstützen und hoffen, dass wir in Zukunft auch andere Kämpfe gemeinsam führen werden: Kämpfe für eine Gesellschaft, in der unser Leben nicht dem Profitinteresse untergeordnet ist. Streikt deshalb weiter und lasst euch nicht von leeren Versprechungen der Geschäftsführung abspeisen.
Eure Forderungen sind keinesfalls übertrieben oder falsch, sondern es sind elementare Grundrechte. Dass sich die Geschäftsführung gegen Tarifverhandlungen wehrt, das ist ein Skandal! Aber euer Arbeitskampf ist die richtige Antwort darauf und wir werden euch weiterhin unterstützen!

Kontakt: streiksoli@riseup.net